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NEUER GLP-1-AGONIST ALBIGLUTID (EPERZAN) BEI TYP-2-DIABETES

Mit Albiglutid (EPERZAN) bringt GlaxoSmithKline seit Oktober den vierten Rezeptoragonisten des Glucagon-like Peptid (GLP)-1 bei Typ-2-Diabetes-mellitus in den Handel. Anders als die bisherigen GLP-1-Agonisten kann Albiglutid auch als Monotherapie verwendet werden. Es wird zudem wie die Retardformulierung von Exenatid (BYDUREON) nur einmal wöchentlich injiziert.1

Der dritte GLP-1-Agonist Lixisenatid (LYXUMIA; a-t 2013; 44: 33-4) ist nach nur einjähriger Vermarktung jetzt endgültig außer Handel: Dem Mittel wurde kein Zusatznutzen zuerkannt und eine Einigung über den Erstattungsbetrag konnte nicht erzielt werden.2

EIGENSCHAFTEN: Albiglutid besteht aus zwei Kopien eines Fragments von humanem GLP-1, die mit Humanalbumin fusioniert sind. An einer Position ist zudem Alanin durch Glycin ersetzt worden, was die Proteolyse verzögert. Modifizierung und Fusion mit Humanalbumin verlängern die Halbwertszeit auf fünf Tage, was die einmal wöchentliche Dosierung erlaubt.3,4

Das körpereigene GLP-1, das eine Plasmahalbwertszeit von wenigen Minuten hat, stimuliert glukoseabhängig die Insulinsekretion, hemmt die Glukagonsekretion, dämpft den Appetit und verzögert die Magenentleerung.3

KLINISCHE WIRKSAMKEIT: In acht zulassungsrelevanten Phase-III-Studien mit insgesamt 5.066 Patienten wird über sechs Monate bis zwei Jahre die blutzuckersenkende Wirksamkeit von Albiglutid geprüft. Im Vergleich zu Plazebo senkt der GLP-1-Agonist als Monotherapie oder als Zusatz zu Metformin (GLUCOPHAGE, Generika), einem Glitazon mit oder ohne Metformin oder einem Sulfonylharnstoff plus Metformin das HbA1c um 0,8% bis 1%. In Verumvergleichen, in denen jeweils unterschiedliche antidiabetische Basismedikationen vorgegeben waren, wirkt Albiglutid ähnlich auf das HbA1c wie Insulin glargin (LANTUS) und Insulin lispro (HUMALOG, LIPROLOG) und besser als der Dipeptidylpeptidase (DPP)-4-Hemmer Sitagliptin (JANUVIA, XELEVIA; Differenz [Δ] 0,3% bis 0,4%) und der Sulfonylharnstoff Glimepirid (AMARYL, Generika; Δ 0,3%), aber schlechter als das Thiazolidindion Pioglitazon (ACTOS, Generikum; Δ 0,3%) bzw. der GLP-1-Agonist Liraglutid (VICTOZA; Δ 0,2%).3,5

Hinsichtlich der Entwicklung des Körpergewichts schneidet Albiglutid ähnlich ab wie Plazebo, ähnlich oder günstiger (geringeres Gewicht) als Sitagliptin, günstiger als Glimepirid, Glargin, Lispro und Pioglitazon, aber schlechter als Liraglutid. Ein Vergleich mit der Exenatid-Retardformulierung fehlt. Der Einfluss auf Folgeerkrankungen des Diabetes ist nicht geprüft.3,5

UNERWÜNSCHTE WIRKUNGEN: Bei Gebrauch als Monotherapie oder in Kombination mit Metformin ist das Hypoglykämierisiko unter Albiglutid gering. In Kombination mit Sulfonyharnstoffen oder Insulin nimmt es deutlich zu. In den Verumvergleichen sind die Raten einer symptomatischen Hypoglykämie unter Albiglutid zumindest numerisch geringer als unter Glimeperid (3% vs. 18%), Glargin (17% vs. 27%), Lispro (16% vs. 30%), Pioglitazon (13% vs. 25%) und Liraglutid (10% vs. 13%), aber höher als unter Sitagliptin (3% vs. 2% bzw. 10% vs. 6%).3,5

Als GLP-1-Agonist ruft Albiglutid erwartungsgemäß sehr häufig gastrointestinale Störungen wie Durchfall (13% vs. 9% in Kontrollgruppen), Übelkeit (12% vs. 11%), Erbrechen (5% vs. 4%) und Verstopfung (5% vs. 4%) hervor. Im offenen Direktvergleich mit Liraglutid kommen Durchfälle ähnlich häufig, Übelkeit (10% vs. 29%) und Erbrechen (5% vs. 9%) unter Albiglutid aber seltener vor. Unter anderen GLP-1-Agonisten ist Dehydratation infolge Magen-Darm-Störungen mit akutem Nierenversagen beschrieben (a-t 2009; 40: 110). Darmverschluss, der auch unter Exenatid (BYETTA, BYDUREON) und Liraglutid beobachtet wird, kommt unter Albiglutid geringfügig häufiger vor als in Kontrollgruppen (0,3% vs. 0,2%). Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA weist auf Appendizitis als ein neues mögliches Risikosignal unter Albiglutid hin (0,3% vs. 0).3-6

Sehr häufig sind auch Reaktionen an der Injektionsstelle (15% vs. 7%), die zudem häufiger vorkommen als unter den anderen injizierten Antidiabetika einschließlich Liraglutid. Albiglutid wird insgesamt häufiger wegen Störwirkungen abgesetzt als die Vergleichsmittel (7,8% vs. 5,7%), der Unterschied beruht hauptsächlich auf vermehrtem Abbruch wegen Injektionsreaktionen (2% vs. 0,6%). 4% der Patienten entwickeln Antikörper gegen Albiglutid, die das Risiko von Injektionsreaktionen steigern.3,5,6

Die Häufigkeit schwerwiegender Störwirkungen unterscheidet sich insgesamt nicht (je 11%). Eine Zunahme von Pneumonien unter Albiglutid fällt auf (1,8% vs. 0,8%; schwerwiegend 0,6% vs. 0,1%). Der GLP1-Agonist bindet an einen Immunrezeptor (FcRn), der Humanalbumin und IgG vor dem Abbau schützt. Der Zusammenhang dieser Bindung mit Pneumonien ist allerdings unklar. Die mittlere Herzfrequenz nimmt geringfügig zu (1 bis 2 Schläge pro Minute). In Zulassungsstudien geht Albiglutid zudem häufiger mit Vorhofflimmern und -flattern einher (1% vs. 0,5%).3,5,6 Als Auflage der Zulassung in den USA muss der Hersteller eine randomisierte Studie zur kardiovaskulären Sicherheit durchführen.5,6 Hypersensitivitätsreaktionen werden unter Albiglutid häufiger beobachtet als in Kontrollgruppen (systemische allergische Reaktionen 1,4% vs. 0,8%).3,5,6

Als möglicher Klasseneffekt von Inkretinmimetika gelten Pankreatitis und Pankreaskarzinome (vgl. a-t 2013; 44: 40). In Zulassungsstudien wurden Symptome einer Bauchspeicheldrüsenentzündung gezielt überwacht und Verdachtsfälle adjudiziert. Die Inzidenz ist unter Albiglutid (0,3%) höher als unter allen Vergleichsmitteln zusammen (0,1%; Liraglutid: 0,5%). Bei den wenigen Pankreaskarzinomen findet sich kein Unterschied. Als ein mögliches Risiko der Wirkstoffklasse gelten auch C-Zelltumoren der Schilddrüse, die bei Nagern unter GLP-1-Agonisten beobachtet wurden. Kanzerogenitätsstudien konnten mit Albiglutid wegen der Bildung eliminierender Antikörper durch Nager nicht durchgeführt werden. In Zulassungsstudien ergibt sich kein entsprechendes Risikosignal. Der Verdacht ist damit jedoch nicht ausgeräumt: C-Zelltumoren und auch Pankreaskarzinome gehören daher zu den Themen der Postmarketingüberwachung.3,5,6

KOSTEN: Albiglutid (EPERZAN) wird mit 126 € pro vier Wochen für wöchentlich 30 mg auf den Cent genau so teuer angeboten wie die Exenatid-Retardformulierung BYDUREON (126 € in vier Wochen für wöchentlich 2 mg). Gegenüber humanem Mischinsulin (HUMINSULIN PROFIL 3; vierwöchentlich 22 € für täglich 25 Einheiten) verteuert sich die Therapie des Typ-2-Diabetes auf mehr als das Fünffache.

∎  Der neue Glucagon-like-Peptid (GLP)-1-Rezeptoragonist Albiglutid (EPERZAN), der einmal wöchentlich subkutan injiziert wird, senkt das HbA1c bei Typ-2-Diabetes im Vergleich zu Plazebo um 0,8% bis 1% und nicht relevant stärker als andere Antidiabetika.

∎  Albiglutid wird schlecht vertragen mit sehr häufigen Magen-Darm-Störungen und Injektionsreaktionen.

∎  Als neue unter anderen GLP-1-Agonisten nicht beschriebene Risikosignale ergeben sich aus Zulassungsstudien für Albiglutid mögliche Zunahmen von Pneumonien, Vorhofflimmern und Appendizitis.

∎  Als GLP-1-Agonist steht Albiglutid im Verdacht, Pankreas- und Schilddrüsenkarzinome auslösen zu können.

∎  So lange die Langzeitwirksamkeit und -sicherheit von Albiglutid nicht belegt sind, raten wir von der Anwendung ab.

1 GlaxoSmithKline: Fachinformation EPERZAN, Stand Juni 2014
2 apotheke adhoc vom 29. Okt. 2014
3 EMA: Europ. Beurteilungsbericht (EPAR) EPERZAN, Stand Jan. 2014
http://www.a-turl.de/?k=rdin
4 GlaxoSmithKline: US-amerikanische Produktinformation TANZEUM, Stand Apr. 2014;
http://www.a-turl.de/?k=ergt
5 FDA: Medical Review Albiglutide (TANZEUM), Stand Apr. 2014
http://www.a-turl.de/?k=otsd
6 FDA: Cross Discipline Team Leader Review Albiglutide (TANZEUM), Stand März 2014;
http://www.a-turl.de/?k=rbac

© 2014 arznei-telegramm, publiziert am 14. November 2014

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