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MESSLATTE FESTBETRAG -
VON HÖHEN UND TIEFEN DES ANGEBOTS

Das in wenigen Tagen erscheinende positiv-telegramm enthält auf über 900 Seiten 500 Bewertungen von Arzneistoffen, die wir als Mittel der Wahl oder Mittel der Reserve einstufen. Alle uns bekannten Präparate, die diese Wirkstoffe enthalten, vergleichen wir in ihren Kosten: insgesamt 6.300 Arzneimittel mit 12.400 Packungen von 370 Herstellern. Der Datenumfang erlaubt eine vergleichende herstellerbezogene Analyse. Für diese haben wir ausschließlich das mit Festbeträgen versehene, positiv bewertete Angebot zu Grunde gelegt (4.750 Präparate mit 10.000 Packungen).

Fünf Firmen bieten eine Produktpalette an, deren Preisdurchschnitt über dem Festbetrag liegt (Tabelle 1) :

  • Mit einem mittleren Preisniveau von 122% (65 Packungen) führt die Wörwag GmbH die Liste der teuren Firmen an. Selbst das niedrigpreisige Captopril CAPTOGAMMA (ab 18%) mindert den Schnitt nur gering, da die übrigen Produkte zumeist überteuert sind: z.B. SINPRO N Brausegranulat (bis 386%), ZINKIT 3 Brausetabletten (bis 229%), MAGNEROT A 100 Granulat (bis 216%) und PYRAGAMMA 40 (bis 180%). Dabei gehen andere teure Produkte des Hauses wie das "für Privatpatienten" beworbene MAGNEROT CLASSIC (a-t 7 [1994], 64) nicht in die Berechnung ein, da die Orotsäureverbindung negativ beurteilt wird (a-t 9 [1994], 87).
    Auf Rang zwei bis vier folgen die Großkonzerne
  • Novartis (Mittelwert 117% bei 130 erfassten Packungen; am teuersten: VOLTAREN [bis 224%] und NEOCITRAN [746%]),
  • Bayer (111%, 136 Packungen; am teuersten: ASPIRIN DIREKT [bis 356%] und ALKA-SELTZER CLASSIC [bis 462%]) und
  • Hoechst (106%, 105 Packungen; am teuersten: RASTINON 1,0 [bis 216%] und HOSTACYCLIN 500 [bis 229%]),
    gefolgt von
  • Berlin-Chemie (Rang 5, 101%, 107 Packungen; am teuersten: MENSOTON [112%] und TITRALGAN QUICK [bis 343%]).

Hochpreispräparate wie VALIUM 10 (446%), VIBRAMYCIN (419%) und UROSIN (392%) fallen unter die Rubrik "Einstige Marktführer", für die in der Apotheke kräftig zuzuzahlen ist (a-t 11 [1996], 110, siehe Seite 63). Entsprechend kümmerlich fallen die Verkaufszahlen aus. Roche setzt pro Jahr 350.000 Packungen VALIUM ab - immerhin jedoch für 5 Mio DM Apothekenverkaufspreis (AVP). Ratiopharm verkauft hingegen im gleichen Zeitraum 2,2 Mio Packungen DIAZEPAM-RATIOPHARM zum Preis von "nur" 7,5 Mio DM (AVP). Der Aufschlag ("Geldverschwendungsfaktor") für VALIUM beträgt im Beispiel DIAZEPAM-RATIOPHARM das Vierfache, bei dem in Tabelle 3 genannten Beispiel DIAZEP-ABZ das Fünffache. Vier- bzw. fünfmal mehr Patienten könnten also statt VALIUM preiswerte Nachfolgepräparate erhalten, ohne dass ein Pfennig mehr ausgegeben werden muss. Da Mehrverbrauch von Diazepam unerwünscht ist, ließen sich umgekehrt gerechnet die VALIUMKosten auf ein Viertel bzw. ein Fünftel einschmelzen. Für VIBRAMYCIN liegt der Verteuerungsfaktor im Vergleich zu DOXY-TABLINEN bei 6, für UROSIN versus ALLO ABZ bzw. ALLO VON CT bei 6 bzw. 5.

Den größten Preisrutsch der letzten Jahre finden wir bei dem ACE-Hemmer Captopril (TENSOBON u.a.). Eine Vielzahl qualitätsgeprüfter Nachfolgepräparate (a-t 8 [1996], 76) kann bereits zu 15% des Festbetrages verordnet werden (Tabelle 2). Ein ähnlicher Preisverfall zeichnet sich für das #45 Virustatikum Aciclovir ab (z.B. VIRUSEEN 200: 20% des Festbetrages) und für den seit 1995 patentfreien (a-t 8 [1995], 82) H2-Antagonisten Ranitidin (z.B. RAN LICH 300: 27%). Wenn das Antidiabetikum Glibenclamid heute zu "nur" 35% des Festbetrages angeboten wird, liegt dies daran, dass der ehemalige "Goldstandard" für patentgeschützte Hochpreispräparate seit Beginn der 80er Jahre unter Wettbewerbsdruck steht. Die Messlatte Festbetrag liegt bereits relativ niedrig. Hoechst offeriert das Glibenclamid-"Original" EUGLUCON N heute zum Festbetrag und damit 60% günstiger (27,05 DM für 120 Tabletten zu 3,5 mg) als vor 15 Jahren (66,90 DM).

Unter den Herstellern der in Tabelle 3 genannten preiswerten Alternativpräparate finden wir neben bekannten Anbietern von Nachfolgepräparaten wie AbZ (gehört zu Merckle/Ratiopharm), Aliud (gehört zu Stada), ct und Sanorania (gehört [noch] zu Pharmacia-Upjohn) die Firma Hevert, die uns sonst eher durch obskure Pharmaka wie Mischungen aus homöopathischen Potenzen mit Vitaminen bzw. Kräuterextrakten (Typ HEVERTOTOX) auffällt. Bei den erfassten positiv bewerteten Arzneimitteln (24 Packungen) liegt bei diesem Hersteller der Schnitt mit 68% vom Festbetrag indes günstig.

Das niedrigste Preisniveau bei einem Angebot von mindestens 50 positiv bewerteten Packungen bieten die vier "A"s: Atid, AbZ, Aliud und Acis, gefolgt von betapharm auf Rang 5 (Tabelle 4). "Vollversorger" mit 368 bzw. 480 Packungen folgen auf den Rängen 11 und 13 mit 73% (ct) bzw. 75% (Hexal, demnächst mit Tochter 1a-Pharma).

In das Geschäft mit Nachfolgepräparaten eingestiegene Töchter von Konzernen wie Basics Pharma (Bayer), Merck Generika (Merck), BASF Generics (BASF) können zwar mit dem durchschnittlichen Preis mithalten, nicht jedoch in der Angebotsbreite.

Auch einige Spezialisten liegen im Kostenschnitt günstig, so etwa Neuraxpharm (ZNS; 107 Packungen, im Mittel 79%), Dermapharm (Haut; 50 Packungen, 81%) und Infectopharm (Antibiotika; 20 Packungen, 88%). Augenmittelhersteller fallen überwiegend durch Hochpreise auf: Ciba Vision mit mittleren 121% vom Festbetrag (35 Packungen), Alcon/Thilo mit 127% (16 Packungen) und Chibret mit 135% (14 Packungen). Die zur Hexalgruppe gehörende Winzer GmbH hingegen lässt erkennen, dass sich auch Augenmittel preiswert anbieten lassen (80%, 40 Packungen).

Einige Hersteller scheinen sich eine strenge "Festbetragsdisziplin" verordnet zu haben. Novo-Nordisk bietet alle 49 von uns ausgewerteten Packungen zum Festbetragspreis an (Tabelle 6) - überwiegend Insuline. Auf diesem Markt scheinen kartellartige Preisabsprachen zu herrschen (vgl. a-t 4 [1997], 41). Berlin-Chemie, Hoechst, Lilly und Novo-Nordisk bieten alle 140 Packungen mit Insulin vom Schwein bzw. Humaninsulin ausschließlich zum Festbetrag an. Auch Janssen-Cilag (30 Packungen) und Cascan (26) rechnen wir zur "Hundertprozentliga".

Ratiopharm hat vor einigen Jahren ein 10%-Versprechen abgegeben. Um mindestens 10% wolle die Firma die Festbeträge unterbieten. Genau nimmt sie es offensichtlich nicht. Wir finden unter 501 Packungen immerhin 91 (18%), diekeine 10% unter Festbetrag liegen. Der Durchschnitt indes stimmt: Mit einem Mittelwert von 78% kann sich das Angebot sehen lassen, ebenso wie das anderer Generalisten mit breitem Produktfächer (Tabelle 5) wie Hexal (480 Packungen, im Mittel 75%), ct-Arzneimittel (368 Packungen, 73%) oder Stada (302 Packungen, 78%). Erstaunlich ist die Breite der Unter- bzw. Überschreitungen des Festbetrages - im Extremfall von 16% bis 779% (Stada). Der niedrigste in den Tabellen 4 und 5 genannte Prozentsatz bezieht sich meist auf ein Captopril-Nachfolgeprodukt, extreme Hochpreise überwiegend auf Selbstmedikationspräparate: Gerade wo es direkt an den Geldbeutel der Patienten geht, ignorieren Hersteller das gegebene Preisgefüge und fordern überhöhte Preise - ein Beispiel für angeblich funktionierende Marktmechanismen im Gesundheitswesen?

Dem Verbraucher scheint es egal zu sein, dass er für 10 Portionen des Pfennig-Analgetikums Parazetamol 14,80 DM (778%) in Form des GRIPPOSTAD HEISSGETRÄNK oder 13,95 DM (745%) für NEOCITRAN Beutel bezahlt (Tabelle 3). Hauptsache, der Trunk sprudelt und schmeckt. Der Festbetrag lässt nur 1,90 DM bzw. 1,87 DM zu. Ebenso bei ALKA-SELTZER CLASSIC Brausetabletten: Hier sind 13,90 DM für 20 Stück (461%) zu zahlen anstatt 3,01 DM Festbetrag oder 2,75 DM für höher dosierte Normaltabletten wie ASS-OPT (enthält 500 mg Azetylsalizylsäure an Stelle der uns unterdosiert erscheinenden 324 mg in ALKA-SELTZER).

Auch die "Pille" lässt sich anscheinend problemlos zum doppelten Festbetrag an die Frau bringen, so etwa STEDIRIL 30 für 19,96 DM für einen Monatstreifen statt 9,61 DM für FEMIGOA oder MICROGYNON 21. Da werden selbst geringere Verkaufszahlen rentabel: 300.000 Packungen STEDIRIL 30 pro Jahr für 11 Millionen DM (Apothekenverkaufspreis) gegenüber 850.000 Packungen MICROGYNON für relativ magere 19 Mio DM.

FAZIT: Unsere Auswertung offenbart beträchtliche Einsparmöglichkeiten: 22 Wirkstoffe werden zum Teil erheblich unter 50% des Festbetrags angeboten, so etwa Captopril (z. B. CAPTOBETA 6,25, 15% des Festbetrages), Etilefrin (z. B. ETILEFRIN AL, 18%) und Aciclovir (z. B. VIRUSEEN 200, 20%).

Unter den Anbietern von Nachfolgepräparaten fallen vor allem Hexal und Ratiopharm mit großer Zahl positiv bewerteter Arzneimittel auf (rund 500 Packungen). Ihr durchschnittliches Preisniveau beträgt 75% bzw. 78% der Festbeträge. ct-Arzneimittel und Stada liegen mit 73% bzw. 78% ebenfalls günstig. Allerdings erfassen wir im Angebot nicht so viele positiv bewertete Packungen (368 bzw. 302). Noch vor den Konzernen Novartis (117%), Bayer (111%) und Hoechst (106%) führt Wörwag mit Durchschnittspreisen von 122% die Liste der teuren Firmen an.

Mondpreise findet man nicht nur bei ärztlich verordneten Arzneimitteln, sondern vor allem auch bei Medikamenten für die Selbstmedikation (vgl. a-t 2 [1993], 21). Das belegt, dass die von der derzeitigen gesundheitspolitischen Ideologie propagierten regulierenden Marktmechanismen nicht funktionieren bzw. nicht existieren.


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