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Im Blickpunkt

WEITERHIN MONDPREIS FÜR HEPATITIS- C-MITTEL SOFOSBUVIR (SOVALDI)
… Die Mär von 27% Preisnachlass

Nachdem der GKV-Spitzenverband Ende Januar 2015 bereits die Schiedsstelle angerufen hatte, hat er sich jetzt mit dem Anbieter Gilead doch auf einen Erstattungsbetrag für den bei chronischer Hepatitis C verwendeten extrem teuren Polymerasehemmer Sofosbuvir (SOVALDI; a-t 2014; 45: 33-4, e a-t 4/2014 vom 11. Apr. 2014) geeinigt.1 Rückwirkend zum 23. Januar 2015 sinkt der bisherige Herstellerabgabepreis von 16.270 € für 28 Tabletten demnach auf 14.521€.2 Der ausgehandelte Nachlass beträgt somit nicht, wie vielfach berichtet, 27%,1,3 sondern nur knapp 11%. Anscheinend wird der neue rabattierte Herstellerabgabepreis fälschlicherweise mit dem Apothekenverkaufspreis gleichgesetzt. Der Apothekenverkaufspreis ist jedoch deutlich höher: Er enthält neben dem Herstellerabgabepreis Handelsaufschläge und die Mehrwertsteuer von 19% und beträgt seit Markteinführung 19.999 €, also rund 700 € für eine einzige Tablette. Nach Abzug des gesetzlichen Herstellerabschlags von 7% bezahlten die Kassen für eine Packung mit 28 Tabletten Sofosbuvir bislang 18.860 €. Künftig werden es nach unseren Berechnungen 16.840 € sein.**

* Vorversion am 18. Febr. 2015 als blitz-a-t veröffenlicht.
** Herstellerabgabepreis bzw. rabattierter Herstellerabgabepreis (= Erstattungsbetrag), jeweils zuzüglich Handelsaufschläge und 19% Mehrwertsteuer abzüglich gesetzlichem Herstellerabschlag.

Die fehlerhafte Berechnung der angeblichen Einsparung hat anscheinend System und ist auch eine Folge der intransparenten Preisbildung in Deutschland: Auch beim ersten im Rahmen des AMNOG ausgehandelten Erstattungspreis für den Thrombozytenaggregationshemmer Ticagrelor (BRILIQUE, a-t 2012; 43: 57-9) kursierten falsch niedrige Angaben zu dem von den Kassen tatsächlich gezahlten Preis.

Unser Gesundheitssystem droht an den exorbitanten Kosten für das neue Hepatitis-C-Mittel zu zerbrechen. Daran ändert auch der neue – nur wenig gesenkte – Preis (vgl. a-t 2013; 44: 17-8) nichts. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) geht von 100.000 Patienten aus, bei denen eine chronische Hepatitis C diagnostiziert ist.4 Würden alle diese Patienten für wenigstens 12 Wochen mit einem Sofosbuvir-haltigen Therapieregime behandelt, errechnen sich allein für den Polymerasehemmer Kosten in Höhe von über 5 Milliarden (Mrd.) €. Bezogen auf die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen in Höhe von 31,4 Mrd. € im Jahr 20145 müssten demnach mindestens 16% der finanziellen Mittel für einen einzigen Wirkstoff verwendet werden.

Die Herstellungskosten für 28 Tabletten werden bei Massenproduktion indes lediglich auf 23 bis 45 US Dollar geschätzt.6 2014 setzte Gilead mit dem Monopräparat sowie mit der seit Dezember 2014 erhältlichen Kombination mit Ledipasvir (HARVONI; a-t 2015; 46: 2-4) weltweit 12,4 Mrd. US Dollar um,7 hierzulande etwa 0,5 Mrd. €.8 Der Nettogewinn der Firma stieg von 3,1 Mrd. Dollarin 2013 auf 12,1 Mrd. Dollar in 2014.7 Weltweit steht Hersteller Gilead wegen seiner überzogenen Preisforderung in der Kritik. Gilead sieht sich zudem inzwischen mit Rechtsstreitigkeiten konfrontiert. In den USA klagt eine betriebliche Versicherung gegen die Preispolitik der Firma. Nach Auffassung des Klägers könnten die exorbitanten Sofosbuvir-Preise Teile des US-amerikanischen Gesundheitssystems ruinieren.9 Nachdem kürzlich das indische Patentamt den Patentantrag für Sofosbuvir abgelehnt hat, erhebt jetzt die Nichtregierungsorganisation „Ärzte der Welt” Einspruch gegen das Patent für das Hepatitis-C-Medikament beim europäischen Patentamt. Ziel ist eine gerechtere Preisgestaltung für das Mittel. Die Organisation setzt sich für den universellen Zugang zu medizinischer Versorgung ein. Auch in wohlhabenden Ländern wie Frankreich oder Deutschland gefährdet der Sofosbuvir-Preis die Existenz der solidarischen Gesundheitssysteme, so „Ärzte der Welt”. In Frankreich führen die hohen Kosten bereits zu einer Rationierung: Sie werden dort nur für die am schwersten erkrankten Patienten übernommen.10,11 Aber auch in Deutschland wird Sofosbuvir nach Einschätzung der kritischen Initiative MEZIS*** nicht allen Patienten, die es benötigen, verordnet.12

*** MEZIS = Mein Essen zahl ich selbst

∎  Der ausgehandelte Preisnachlass für das extrem teure Hepatitis-C-Mittel Sofosbuvir (SOVALDI) ist mit knapp 11% bescheiden.

∎  Auch wenn Sofosbuvir wahrscheinlich einen hohen Nutzen hat, bedrohen die gigantischen Therapiekosten die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems.

1 Dtsch. Ärztebl. Online vom 12. Febr. 2015
2 SUCKER-SKET, K.: DAZ.online vom 12. Febr. 2015 http://www.a-turl.de/?k=uttl
3 FAZ vom 13. Febr. 2015
4 G-BA: Frühe Nutzenbewertung: Beträchtlicher Zusatznutzen für Wirkstoff gegen chronische Hepatitis C. Presseerklärung vom 17. Juli 2014 http://www.a-turl.de/?k=engs
5 apotheke adhoc: 31,4 Milliarden Euro für Arzneimittel; 30. Jan. 2015 http://www.a-turl.de/?k=euhe
6 HILL, A. et al.: Clin. Infect. Dis. 2014; 58: 928-36
7 Gilead: Gilead Sciences Announces Fourth Quarter and Full Year 2014 Financial Results, 3. Febr. 2015; http://www.a-turl.de/?k=anni
8 MIHM, A.: FAZ vom 10. Febr. 2015
9 CHIMICLES & TIKELLIS LLP: Presseerklärung vom 9. Dez. 2014; http://www.a-turl.de/?k=land
10 Ärzte der Welt: Presseerklärung vom 10. Febr. 2015; http://www.a-turl.de/?k=lric
11 Ärzte der Welt: Fragen und Antworten, 10. Febr. 2015 http://www.a-turl.de/?k=omsd
12 SALZ, J.: Wirtschaftswoche vom 9. Febr. 2015

© 2015 arznei-telegramm, publiziert am 20. Februar 2015

Autor: Redaktion arznei-telegramm - Wer wir sind und wie wir arbeiten

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