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Therapiekritik

CANNABIDIOL: EIN ALLHEILMITTEL?

Der nur gering psychoaktive Cannabisbestandteil Cannabidiol (a-t 2017; 48: 91-2) ist seit Oktober 2019 als Arzneimittel gegen seltene Epilepsieformen im Handel (EPIDYOLEX; siehe e a-t 12/2019a). Bereits seit 2011 wird es in Kombination mit Delta-9-Tetrahydrocannabinol als Mundspray (SATIVEX) zur Behandlung einer Spastik bei Multipler Sklerose angeboten (a-t 2011; 42: 57-9). Für Cannabidiol werden jedoch Vorteile in einer Vielzahl von Anwendungsgebieten postuliert, für die der Wirkstoff nicht zugelassen ist. In diesem Zusammenhang hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA 2019 bereits mehrfach Anbieter abgemahnt, die mit illegalen Werbeaussagen zur Wirksamkeit beispielsweise bei Krebs, Morbus ALZHEIMER oder Autismus aufgefallen sind.1,2 Für die Einnahme des Cannabinoids in solchen nicht zugelassenen Indikationen ist ein Nutzen durch randomisierte Studien unzureichend oder gar nicht belegt:

Zur Behandlung sekundär generalisierter Anfälle finden wir eine ältere randomisierte Studie3 an lediglich 15 Patienten, aus der sich kein Nutzenbeleg ableiten lässt. Bei Schizophrenie liegen mehrere, allerdings mit 29 bis 88 Teilnehmern ebenfalls kleine und als Nutzenbeleg unzureichende zwei- bis achtwöchige Untersuchungen4-7 vor. Die Ergebnisse sind widersprüchlich, eine der Studien5 ist zudem nur als Kongress-Abstract ohne Angabe der Cannabidiol-Dosis publiziert.

Acht weitere kleine, maximal 13-wöchige plazebokontrollierte Studien mit bis zu 62 Teilnehmern prüfen den Wirkstoff in verschiedenen Anwendungsgebieten und Dosierungen (bis 800 mg pro Tag). Für die Behandlung von Morbus CROHN, Hyperlipidämie bei Typ-2-Diabetes, Morbus PARKINSON, Chorea HUNTINGTON, chronischen Schmerzen, Leberverfettung und erhöhtem Augeninnendruck ergeben sich dabei gegenüber Plazebo keine signifikanten Vorteile.8 Nur in einer kleinen, methodisch mangelhaften Studie an 24 Patienten mit sozialer Phobie9 ist eine Minderung von Angstsymptomen bei simuliertem öffentlichen Sprechen beschrieben.

Drei weitere kleine plazebokontrollierte Studien (n = 24 bis 42) untersuchen einen möglichen Nutzen zur Raucherentwöhnung und bei abstinenten Heroinabhängigen zur Minderung von Cravingsymptomen. Sie prüfen jedoch nur die kurzzeitige oder einmalige Anwendung und sind – bis auf eine,10 in der die Zahl konsumierter Zigaretten untersucht wird – nicht auf klinische Endpunkte ausgerichtet.10-13

Für weitere beanspruchte Indikationen liegen, soweit wir sehen, allenfalls kleine oder sehr kleine und zum Teil unkontrollierte Beobachtungsstudien vor, beispielsweise zur Prophylaxe einer Graft-versus-Host-Reaktion14 sowie bei epileptischen Anfällen aufgrund tuberöser Sklerose,15 oder lediglich Zellexperimente und Tierstudien, wie z.B. bei Krebs und Morbus ALZHEIMER.16-17

Wir raten aufgrund fehlender oder unzureichender Nutzenbelege von der Anwendung von Cannabidiol in nicht zugelassenen Indikationen außerhalb klinischer Studien ab.

(R = randomisierte Studie)
1FDA: Presseerklärung vom 23. Juli 2019; http://www.a-turl.de/?k=tras
2FDA: Presseerklärung vom 22. Okt. und 25. Nov. 2019; http://www.a-turl.de/?k=hors bzw. http://www.a-turl.de/?k=ffen
R3CUNHA, J.M. et al.: Pharmacology 1980; 21: 175-85
R4LEWEKE, F.M. et al.: Transl. Psychiatry 2012; 2: e94 (7 Seiten)
R5LEWEKE, M.: Schizophrenia Bulletin 2013; 39: S341
R6McGUIRE, P. et al.: Am. J. Psychiatry 2018; 175: 225-31
R7BOGGS, D.L. et al.: Psychopharmacology 2018; 235: 1923-32
8MILLAR, S.A. et al.: Br. J. Clin. Pharmacol. 2019; 85: 1888-900
R9BERGAMASCHI, M.M. et al.: Neuropsychopharmacol. 2011; 36: 1219-26
R10MORGAN, C.J. et al.: Addict. Behav. 2013; 38: 2433-6
R11HINDOCHA, C. et al.: Addiction 2018; 113: 1696-1705
R12HINDOCHA, C. et al.: Sci. Rep. 2018; 8: 7568 (7 Seiten)
R13HURD, Y.L. et al.: Am. J. Psychiatry; online publ. am 21. Mai 2019, doi: 10.1176/appi.ajp.2019.18101191 (12 Seiten)
14YESHURUN, M. et al.: Biol. Blood Marrow Transplant. 2015; 21: 1770-5
15HESS, E.J. et al.: Epilepsia 2016; 57: 1617-24
16National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine: The Health Effects of Cannabis and Cannabinoids, Jan. 2017; http://www.a-turl.de/?k=einb
17WATT, G., KARL, T.: Front. Pharmacol. 2017; 8: 20 (7 Seiten)

© 2019 arznei-telegramm, publiziert am 13. Dezember 2019

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