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Therapiekritik

NEUE DATEN ZU REMDESIVIR (VEKLURY) BEI COVID-19

Remdesivir (VEKLURY) wurde im Juli 2020 basierend auf vorläufigen Ergebnissen der ACTT-1-Studie unter „besonderen Bedingungen“ zur Behandlung von COVID-19 bei Erwachsenen und Jugendlichen* mit einer sauerstoffpflichtigen Pneumonie zugelassen (a-t 2020; 51: 57-9; siehe auch S. 80). Die kürzlich publizierte Endauswertung der Studie,1 an der insgesamt 1.062 Patienten teilgenommen haben, bestätigt die Ergebnisse: Remdesivir verringert gegenüber Plazebo die Zeit bis zur Krankenhausentlassung oder bis im Krankenhaus keine Sauerstofftherapie und keine weitere medizinische Versorgung mehr erforderlich ist (im Median 10 versus 15 Tage; Rate Ratio [RR] für Erholung 1,29; 95% Konfidenzintervall [CI] 1,12-1,49). Im Wesentlichen scheinen Patienten zu profitieren, die zwar Sauerstoff erhalten, jedoch nicht als High-flow-Therapie** oder im Rahmen einer Beatmung (RR 1,45; 95% CI 1,18-1,79). Der Effekt erscheint für diese zumindest im Median jedoch gering (7 Tage vs. 9 Tage). Ein Einfluss auf die Mortalität innerhalb von vier Wochen bleibt unsicher (11,4% vs. 15,2%; Hazard Ratio [HR] 0,73; 95% CI 0,52-1,03). Eine errechnete Senkung der Sterblichkeit auf 4% vs. 13% (HR 0,30; 95% CI 0,14-0,64) in der Subgruppe der Patienten, die Sauerstoff erhalten, aber nicht als High-Flow-Therapie oder im Rahmen der Beatmung,1 bedarf angesichts des nicht signifikanten Ergebnisses in der Gesamtgruppe der Bestätigung. Die Dauer einer bereits angewendeten invasiven Beatmung oder extrakorporalen Membranoxygenierung wird nicht signifikant verkürzt (im Median 17 Tage vs. 20 Tage, Differenz -3 Tage; 95% CI -9,3-3,3). Diese Therapien werden aber bei weniger Patienten während der Studie neu begonnen (13% vs. 23%; Differenz -10%; 95% CI -15 bis -4).1

*Ab 12 Jahre mit einem Körpergewicht von mindestens 40 kg.
**Hierbei wird erwärmter und befeuchteter Sauerstoff mit hohen Flussraten bis 60 l/min über eine spezielle Nasenkanüle verabreicht. Dadurch kann eine bessere Oxygenierung erreicht werden als mit üblichen Sauerstoffbrillen.

Aktuell wird zudem eine Zwischenauswertung der von der Weltgesundheitsorganisation WHO initiierten deutlich größeren, aber offen und pragmatisch durchgeführten SOLIDARITY-Studie vorab ohne Peer-Review auf einem Preprint-Server publiziert. Die in den Vergleich von Remdesivir*** mit üblicher Standardtherapie eingehenden, wegen COVID-19 hospitalisierten Patienten (2.743 vs. 2.708) stammen zu 56% aus Asien oder Afrika (Europa oder Kanada: 26%, Lateinamerika: 18%). 18% sind mindestens 70 Jahre alt, 67% erhalten Sauerstoff, weitere 9% sind beatmet. Nur 83% scheinen vollständig nachbeobachtet zu sein. Remdesivir hat demnach keinen Einfluss auf die Mortalität im Krankenhaus innerhalb von vier Wochen (primärer Endpunkt), weder insgesamt (11% vs. 11%, RR 0,95; 95% CI 0,81-1,11) noch in diversen Subgruppen. Die Daten zur Dauer des Krankenhausaufenthalts lassen sich nicht mit denen der ACTT-1-Studie vergleichen – berichtet wird nur die Hospitalisierung an Tag 7, aus der die Autoren keinen Effekt ableiten. Die Häufigkeit der Beatmung von Patienten, die bei Studieneinschluss noch nicht beatmet werden, wird nicht gesenkt (11,9% vs. 11,5%).2

***Untersucht wurden auch Hydroxychloroquin (QUENSYL, Generika; e a-t 6/2020c), Lopinavir plus Ritonavir (KALETRA u.a.; a-t 2020; 51: 49-50) sowie Interferon beta-1a (REBIF), für die sich ebenfalls keine Senkungen der Mortalität errechnen.2

Welchen Nutzen Remdesivir ggf. als Zusatz zu Dexamethason (FORTECORTIN, Generika) bieten könnte, das bei Patienten unter Sauerstofftherapie oder invasiver Beatmung empfohlen wird, da es die Mortalität senkt (a-t 2020; 51: 49-50 und 71), bleibt unklar.

Wir sehen beim derzeitigen Kenntnisstand außerhalb klinischer Studien unverändert keine Indikation für das Virustatikum.

(R = randomisierte Studie)
R1BEIGEL, J.H. et al.: N. Engl. J. Med., online publ. am 9. Okt. 2020; https://doi.org/10.1056/NEJMoa2007764 (14 Seiten)
R2WHO: Solidarity Trial Consortium et al.: medRxiv, online publ. am 15. Okt. 2020; https://doi.org/10.1101/2020.10.15.20209817 (17 Seiten)

© 2020 arznei-telegramm, publiziert am 23. Oktober 2020

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