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Im Blickpunkt

"SCHNELLDREHER" IM ARZNEIMITTELVERBRAUCH 1993:
... SCHMERZKRANK UND VERSCHNUPFT?

Die 100 in Deutschland (alte Bundesländer) nach Packungen meistverkauften Arzneimittel machen 30% aller Arzneiverkäufe über öffentliche Apotheken aus. Jeder zweite "Schnelldreher" ist seit den 60er Jahren oder länger auf dem Markt. Dies kann für umfangreiche Erfahrungen und hohen Bewährungsgrad sprechen, so bei der vielseitig verwendeten Azetylsalizylsäure (ASS, ASPIRIN, 1899 eingeführt, Rang 2), dem Parazetamol-Analgetikum BENURON (1959, Rang 10), dem Herzglykosid Azetyldigoxin (NOVODIGAL, 1965, Rang 26), Isosorbiddinitrat (ISOKET, 1963, Rang 43), dem Antitussivum Kodein (PARACODIN, 1912, Rang 45), dem Benzodiazepin Oxazepam (ADUMBRAN, 1965, Rang 51) und dem Kalziumantagonisten Verapamil (ISOPTIN, 1963, Rang 62). Mit wenigen Ausnahmen (z.B. ASS, Parazetamol) erzielen preiswertere Nachfolgepräparate (s. Therapiekostenvergleich) deutlich geringere Verkaufszahlen.

Andere Alt-Arzneimittel sind immer noch mit der Indikationslyrik der Einführungsjahre belastet, so etwa das 1957 eingeführte MAGNESIUM VERLA, das unter anderem gegen Migräne, bei Pankreatitis, Leberzirrhose und Hypercholesterinämie angeboten wird, oder das seit 1927 angebotene CALCIUM SANDOZ mit Empfehlungen für Heuschnupfen, Urtikaria, Ekzem und Pruritus (a-t 4 [1991], 36).

Auf so manches Altpräparat könnte verzichtet werden, so etwa auf die Kampfer und Weißdorn enthaltenden KORODIN-Tropfen (1927, Rang 82) oder das gegen Durchfall angebotene Hefepräparat PERENTEROL (1964, Rang 77), dessen "Wirksamkeit umstritten ist und das daher nicht zur Standardtherapie gehört".1

Auffällig viele absatzstarke Mittel dienen der Behandlung von Schmerzen (19 Präparate) und Atemwegserkrankungen (29 Präparate) und sind überwiegend zur Selbstmedikation erhältlich und damit der Steuerung durch ärztliche Verordnungen entzogen.

Unter den zehn 1993 meistverkauften Medikamenten finden sich sieben rezeptfreie Analgetika. Wie vor zehn Jahren steht THOMAPYRIN auf Rang eins – Prototyp einer irrationalen, bei Dauereinnahme dosisabhängig nierenschädigenden Kombination aus mehreren Schmerzmitteln plus Koffein (a-t 1 [1994], 16). Die Zahl verkaufter THOMAPYRIN-Packungen stieg im Zehnjahresraum um 80% auf 25 Millionen. Die Marktrücknahme und die 1989 eingeführte Verschreibungspflicht von Großpackungen koffeinhaltiger Mischanalgetika schränken somit den Gebrauch der Mittel nicht ein. Die Verbraucher kaufen mehr Kleinpackungen – ein Phänomen, das auch für den in der Drogenszene mißbrauchten Tranquilizer ROHYPNOL (Wirkstoffhalbierung pro Tablette hat Verdoppelung der Zahl der Tabletten zur Folge) verbittert registriert wird.2 Die Kosten für Analgetika-bedingte schwere gesundheitliche Schäden von jährlich 1,2 Mrd DM tragen die Krankenkassen, nicht die Verursacher.

Der Trend zum Einstoffpräparat (a-t 1 [1989], 1) setzt sich nur zögerlich fort. Nur vier Einstoffanalgetika gehören zu den führenden zehn Präparaten: Die teuren Erstanbieterpräparate ASPIRIN (Rang 2 [vor zehn Jahren Rang 7]) und BENURON (Rang 10 [13]) sowie die Nachfolgepräparate PARACETAMOL-RATIOPHARM (Rang 6 [350]) und ASS-RATIOPHARM (Rang 8 [465]). Bedarfsgerechte Kleinpackungen fehlen von beiden "Ratio"pharm-Produkten (vgl. a-t 8 [1987], 72), sind aber von anderen Anbietern im Handel (z.B. ASS DURA [10 Stck.], DURACETAMOL [10 Stck.]).

Die beiden meistverkauften verschreibungspflichtigen Analgetika, das Kodein-haltige Mischanalgetikum GELONIDA NA (a-t 1 [1994], 16) und das relativ schwach und für chronisch Schmerzkranke zu kurz wirkende Tramadol (TRAMAL u.a., a-t 2 [1994], 21), entsprechen nicht den Kriterien der rationalen Arzneimittelverordnung. Statt dessen wären Parazetamol-Kodein-Kombinationen wie TALVOSILEN FORTE oder retardiertes Morphin (MST RETARD u.a.) geeigneter (a-t 10 [1993], 94). GELONIDA NA und TRAMAL reihten wir 1989 im alarm-telegramm3 unter die vielverordneten, aber entbehrlichen Arzneimittel ein. Jeder achte der Marktführer des vergangenen Jahres findet dort Erwähnung.

Mit Nasen-Zubereitungen aus der Reihe der Sympathomimetika wie OLYNTH (Rang 5), OTRIVEN (12), NASIVIN sowie NASENSPRAY- und NASENTROPFEN-RATIOPHARM lassen sich Schnupfensymptome sinnvoll lindern. Voraussetzung: Sie werden nicht länger als 10 Tage angewendet, um verstärkte Schleimhautschwellung nach Absetzen (Rebound-Phänomen) und dadurch bedingten Dauergebrauch zu verhindern (a-t 1 [1994], 4). "Schrotschuß"-Kombinationen vom Typ des WICK MEDINAIT (sedierendes Antihistaminikum Doxylamin + stimulierendes Ephedrin + Mißbrauch-belastetes Antitussivum Dextromethorphan + Analgetikum Parazetamol + Alkohol [Rang 27]) halten wir zur Behandlung von Erkältungen für ungeeignet. Dies betrifft auch Lokalantibiotika-haltige Halsschmerzmittel wie LEMOCIN und DORITHRICIN (Rang 47 und 50) oder das Umweltgift Quecksilber enthaltende, auch für Kleinkinder empfohlene Homöopathikum MEDITONSIN (Rang 40). Es könnte ein "Kunstfehler" sein, Streptokokken-Infektionen des Rachenraumes nur mit Lokalantibiotika (vgl. a-t 11 [1993], 126) oder mit Desinfektionsmitteln zu behandeln. Wird bei "kratzigem Rachen" eine lokale Linderung gewünscht, wären Hausmittel wie DALLMANN'S-SALBEI-BONBONS – abgesehen vom Zuckergehalt – die geeignetere und preiswertere Wahl (mit 9 Millionen in Apotheken verkauften Packungen auf Rang 9).

Kräutermischungen wie SINUPRET (Rang 13) gegen Entzündungen von Nasennebenhöhlen und Atemwegen sowie sogenannte Immunstimulantien wie ESBERITOX (Sonnenhut [Echinacea] + Lebensbaum [Thuja] + wilder Indigo [Baptisia tinctoria]) rechnen wir zu den Suggestivtherapeutika. Sicherheitspharmakologische Untersuchungen der Bestandteile der auch für Kinder empfohlenen Präparate fehlen überdies (s. auch a-t 4 [1991], 39).

Erfreulich ist der rückläufige Verbrauch von Benzodiazepinen bei Erwachsenen und Psychopharmaka bei Kindern. Fanden sich vor zehn Jahren noch sieben Tranquilizer unter den 100 Schnelldrehern, sind es heute nur noch zwei: Mit ADUMBRAN ein zwar teures, aber therapeutisch sinnvolles Oxazepam- Präparat als Benzodiazepin der Wahl für die Kurzzeitanwendung (Rang 51) und mit ROHYPNOL ein ungünstig lang wirkendes Benzodiazepin mit Karriere als Heroinersatz und Anlaß für Beschaffungskriminalität (a-t 12 [1992], 120; 1 [1993], 18). "Beruhigungsmittel" aus der Volksmedizin wie Baldrian (BALDRIPARAN, Rang 99) werden offensichtlich nicht als Alternative akzeptiert. Vor zehn Jahren lag BALDRIPARAN auf Rang 85.

FAZIT: "Klassiker" und Altlasten stehen 1993 auf Spitzenpositionen des Pharmamarktes in Deutschland. Von den führenden 100 Arzneimitteln sind 17 jünger als zehn Jahre. Der Trend zum sinnvollen Einstoffpräparat verläuft stetig, aber leider nicht so rasch, wie es wünschenswert wäre. Nach wie vor finden überflüssige bzw. bedenkliche Kombinationsarzneimittel (z.B. THOMAPYRIN) Verwendung. Viele häufig verordnete Einstoffpräparate sind teuer (ADALAT, EUGLUCON, ISOPTIN, VOLTAREN u.a.) oder ebenfalls entbehrlich (ROHYPNOL u.a.), da gleich wirksame, aber weniger riskante Alternativen verfügbar sind.

1

SCHWABE, U., D. PAFFRATH: "Arzneiverordnungsreport '93", Fischer, Stuttgart, 1993, Seite 451

2

KEUP, W.: Frühwarn-System-Berichte Nr. 97 und 98 vom 25. Juli 1994 und 1. Aug. 1994

3

MOEBIUS, U. et al.: alarm-telegramm, A.V.I., Berlin 1989, Seite 78 und 191


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